Kirche und kirchliche Gemeinde in Großheppach

 
Seit Mitte des 8. Jahrhunderts befand sich in Waiblingen eine St. Michael geweihte „Urkirche“, eine Missionskirche, die dem seit etwa 600 (bis 1821) bestehenden Bistum Konstanz untergeordnet war (Archidiakonat jenseits des Schwarzwaldes). Infolge der zunehmenden Besiedlung wurden nach und nach an vielen Orten Kapellen gestiftet, die immer häufiger mit einem Messpriester versehen wurden, wobei jedoch die Waiblinger Michaelskirche Taufkirche blieb. So  entstand in Großheppach zwischen 1300 und 1350 die dem heiligen Ägidius (einem der 14 Nothelfer; um 720 verstorbener Abt in Südfrankreich; Tag 01. September) geweihte Kapelle als Annexe der Waiblinger Michaelskirche. Um 1430 erfolgte die Erhebung zur Pfarrkirche mit eigenem Pfarrherrn.

Daneben bestand bis um 1470 (1473 nach dem Neubau der Ägidiuskirche war dort noch ein beweglicher Altar St. Bernhards vorhanden) eine dem heiligen Bernhard von Clairvaux (gestorben 1153; Tag 20. August) geweihte Kapelle mit eigenem Kaplan.

Um 1468 wurde das Kirchenschiff in seiner noch heute bestehenden Form an das Fundament eins älteren Turmes angebaut, so dass eine Chorturmkirche entstand. Auf den steinernen Unterbau des Turmes wurde eine Glockenstube in Fachwerkkonstruktion aufgesetzt. Darauf befand sich ein mit Hohlziegeln gedecktes Pyramidendach. 1491 wurde die Sakristei angebaut.

Mit der Einführung der Reformation im Frühjahr wurden die Pfründe eingezogen und die damit verbundenen Güter an die Geistliche Verwaltung in Schorndorf übertragen. Von den 4 Geistlichen (Pfarrherr und 3 Kapläne) blieb nur eine Pfarrstelle übrig, von der aus auch Kleinheppach als Filial zu versehen war (bis 1976). 1548 mussten mit dem Interim die abgeschafften katholischen Gebräuche wieder eingeführt werden, doch konnte Herzog Christoph gleich nach seinem Regierungsantritt im Jahre 1550 infolge des Passauer Vertrages dies wieder aufheben. Mit der von Johannes Brenz maßgeblich gestalteten Großen Kirchenordnung von 1559 kam die Reformation in Württemberg zum Abschluss und es begann eine geordnete, stabile Phase im kirchlichen und bürgerlichen Leben in Großheppach, überschattet von Zwistigkeiten mit Wiedertäufern und Zwinglianern.

Der dreißigjährige Krieg, während dessen Verlauf der größte Teil der Großheppacher Einwohner durch Kriegseinwirkungen, Seuchen und Hungersnot das Leben verlor (von den ca. 950 Einwohnern zu Kriegsbeginn waren 1640 noch etwa 200 übrig), brachte auch eine Verfall von Sitte und Ordnung sowie Auseinandersetzungen aufgrund der Zuwanderung von Andersgläubigen („Papisten“) und Streitigkeiten mit der bürgerlichen Gemeinde, auch finanzieller Art, mit sich. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Auswirkungen des dreißigjährigen Krieges so weit überwunden, dass das Gemeindeleben wieder in geordneten Bahnen verlaufen konnte. Besondere Verdienste erwarben sich dabei die von 1699 bis 1758 nacheinander amtierenden Pfarrer Fischer, Heuber und Jahn, die aufgrund ihrer starken integren Persönlichkeiten auch die zu dieser Zeit aufkeimenden Konflikte um den verstärkt aufkommenden Pietismus in ihrer Gemeinde in Grenzen halten konnten.

Zu dieser Zeit (1751) wurde auch das neue, heute noch bestehende Pfarrhaus erbaut.

Da in den Kriegs- und Notzeiten kaum etwas für den Erhalt der Bausubstanz der nunmehr über 250 Jahre alten Kirche getan werden konnte,  geriet diese allmählich in einen kritischen Zustand. 1738 wurde das Kirchenschiff notdürftig renoviert, doch der Turm, vor allem die Glockenstube und das Dach, war infolge der Witterungseinwirkungen baufällig geworden. Deshalb ordnete der herzogliche Kirchenrat 1767 den Abbruch des Turmhelmes und des Fachwerkaufsatzes an. 1769 wurde die Baumaßnahme durchgeführt und das Turmdach erhielt die heute noch erhaltene Form einer „welschen Haube“.
Nach vielerlei kleineren Reparaturen wurde die Kirche 1893 grundlegend renoviert. Dies war insbesonders aufgrund einer großen Stiftung des nach Amerika ausgewanderten und dort zu großem Vermögen gekommenen gebürtigen Großheppachers Gottlieb Ellwanger möglich. Zwischenzeitlich fielen bei weiteren Renovierungen mancherlei  Errungenschaften, auch die damals erneuerte Kanzel, dem sich wandelnden Zeitgeist zum Opfer.

Das Geläute bestand ursprünglich aus einer 1495 von Bernhart Lachamann in Heilbronn gegossenen Osanna-Glocke und einer Ave-Maria-Glocke unbekannter Herkunft aus derselben Zeit. Die Osanna-Glocke zersprang 1904 und wurde in früherer Form unter Verwendung der alten Inschrift mit neuem Zusatz umgegossen, ebenso die Ave-Maria-Glocke, um mit einer neubeschafften dritten Glocke ein harmonisches Geläute zu bilden.
1917 wurden die beiden kleineren Glocken zu Kriegszwecken eingezogen und 1923 wieder ersetzt. Dies wiederholte sich bereits 1942. 1948 konnten zwei neue Glocken beschafft werden, die bis heute zusammen mit der großen Osanna-Glocke ein vollständiges, wohlklingendes Geläute bilden.

Bereit um 1670 wurde die erste Orgel angeschafft, die dann bei der bereits erwähnten Renovierung 1893 durch eine neue, aus der Stiftung Gottlieb Ellwangers finanzierten Orgel von der Fa. Weigle, Echterdingen, ersetzt wurde. 1966 wurde die jetzige neue Weigle-Orgel aufgebaut.

Trotz tiefgreifender politischer Umwälzungen, schwerer Kriegs- und Notzeiten, Auswanderungswellen, auch Abspaltungen von Sekten und neu entstandenen Glaubensrichtungen (Methodismus) sowie die Aufnahme von katholischen Kriegsflüchtlingen überstand die Großheppacher Kirchengemeinde die letzten Jahrhunderte nicht zuletzt auch dank fähiger, glaubens- und verkündungsstarker sowie auf den Zusammenhalt der Gemeinde bedachter Seelsorger ohne folgenschwere Turbulenzen und Verwerfungen. Krisenzeiten, auch in neuerer Zeit, wurden mit Gottes Hilfe immer wieder überwunden und so wollen wir uns an den Propheten Jeremia (Klagelieder 3,22+23) halten: Die Güte des Herrn ist, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist groß.

Günter Häcker

Quellen

Das Land Baden-Württemberg
Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden
Band III 1978

Bellon, Eugen:
Zur Siedlungs- und Weinbaugeschichte im Raum Waiblingen-Winterbach#
1992

Drös, Harald:
Die Inschriften des Rems-Murr-Kreises
Fritz, Gerhard
1944

Herders Volkslexikon
1967

Reinhard, Lothar:
Großheppach
1968

Schmid, R.:
Reformationsgeschichte Württembergs
1903       


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